Deutsche
Puschkin-Gesellschaft

Einleitung - Russland um 1800-1850

Da Puschkin ein aufmerksamer Zeitgenosse war, wollen wir kurz einen Blick auf die Ereignisse in Russland werfen, die seine Jugend begleiteten und ihn als Erwachsenen prägten.

Mit dem Tod der Zarin Katharina II. war eine Epoche zu Ende gegangen. dpg Cath2russiaIn den dreissig Jahren ihrer Herrschaft (1762-1796) hatte sich das russische Reich stark ausgedehnt, vor allem nach Süden (Ukraine, Kaukasus) bis ans Schwarze Meer. Bei diesen Eroberungszügen kam es häufig zu Aufständen der dort ansässigen Völker, die sich im neuen Jahrhundert fortsetzen und auch in Puschkins Leben eine Rolle spielen sollten.

Wirtschaftlich hatte das Land einen grossen Aufschwung genommen. Dank der von Zar Peter dem Grossen begonnenen Öffnung nach Westeuropa blühte der Handel, sei es per Schiff von St. Petersburg über die Ostsee oder von Odessa über das Schwarze Meer, als auch auf dem Landweg, zum Beispiel via Minsk - Warschau - Wien. Auch mit dem Osmanischen Reich, das vom heutigen Istanbul aus den Vorderen Orient und Nordafrika beherrschte, gab es regen Güteraustausch. Aus dem Ural und aus Sibirien kamen Kohle, Eisenerz, Gold, Silber und Edelsteine.

Seit St. Petersburg 1712 zur neuen Hauptstadt des Reiches erklärt wurde, gaben die Adeligen - nicht immer freiwillig - ihren Wohnsitz in Moskau auf. Unter den Nachfolgern Peters des Grossen, Anna (1730-1740) und Elisabeth (1741-1762) kam es daher zu einem regelrechten Bauboom: Sommer- und Winterresidenzen der Zaren, ihrer Minister, Generäle und hohen Beamten, Kirchen und Klöster der orthodoxen Staatskirche, Theater, Museen, Schulen, Krankenhäuser und andere öffentliche Einrichtungen. Wer nicht an diesem Aufschwung teilhatte, waren die Bauern, die noch lange an die Scholle gebunden und der Willkür der Grossgrundbesitzer ausgeliefert blieben.

Dank der hohen Staatseinnahmen durch Besteuerung vor allem der Grossgrundbesitzer und der Adeligen konnte Katharina II. auch die Wissenschaft, Literatur und Künste fördern. Sie holte erstrangige Architekten, Bildhauer und Maler ins Land, die St. Petersburg den Glanz einer europäischen Metropole verliehen. Sie korrespondierte mit Philosophen und Gelehrten wie Voltaire und den gleichzeitig regierenden Herrschern Österreichs und Preussens, Maria Theresia und Friedrich II. Russland stand jedem offen, der etwas zur Entwicklung des Landes beitragen konnte.

Leider hatte Katharinas Sohn Paul I., der nur fünf Jahre regierte, andere Ideen. Die Forderungen der französischen Revolution und den Einfluss der vielen am Hof verkehrenden ausländischen Gelehrten und Künstler empfand er als Bedrohung, und so führte er kurzerhand eine strenge Zensur von Publikationen und freier Meinungsäusserung ein. Studien im Ausland wurden verboten, ausländische Minister und Berater des Landes verwiesen und Russland mehr und mehr vom Rest der Welt abgeschottet.

Alexander I. (1801-1825)

Dies war die Situation, als Puschkin 1799 zur Welt kam. Bald darauf wurde Katharinas Enkel, der 23-jährige Alexander, zum Zaren gekrönt. Er hatte eine liberale Erziehung genossen und war sorgfältig auf sein Amt vorbereitet worden.

Alexander I. im Jahre 1824, Gemälde von George Dawe, Eremitage-Museum, St. PetersburgIn den ersten Jahren reorganisierte er die staatliche Verwaltung und das Finanzwesen, verbesserte das Los der Leibeigenen, liess Schulen und Universitäten (Kasan, Charkow) gründen. Dann aber musste er sich einer Gefahr von aussen widmen: Napoleon drang 1812 mit seiner Grande Armée von 477.000 Mann in Russland ein und es galt, seinem Vormarsch nach Moskau Einhalt zu gebieten. Vielleicht war es die Angst vor revolutionären Ideen aus Frankreich und die Anstrengungen des Wiederaufbaus nach dem verlustreichen Sieg, die Alexander von weiteren Reformen abhielten. Jedenfalls war die zweite Hälfte seiner Herrschaft von einer verstärkten Überwachung, Zensur und Polizeiwillkür gekennzeichnet, sodass sich Unmut breit machte. Auch die inzwischen riesige Ausdehnung des Reiches stellte eine Herausforderung dar: nach der Einverleibung von Polen reichte Russland von Mitteleuropa bis zum äussersten Ende Sibiriens und über die Beringstrasse sogar bis Nordamerika. Auf dieser Fläche von 20 Millionen qkm lebten inzwischen 50 Millionen Menschen.

Kaiserin Elisabeth Alexejewna, geb. Luise von Baden Portrait von Elisabeth Vigée-Lebrun, 1795, Schloss Wolfsgarten, HessenAls Alexander am 1. Dezember 1825 in der südrussischen Stadt Taganrog an Typhus verstarb, hinterliess er ein Land, das von seinen letzten Regierungsjahren tief enttäuscht war. Wenige Monate später, im Mai 1826, erlag auch seine Frau, die badische Prinzessin Luise, ihrem Lungenleiden.Angeblich soll Puschkin unter dem Eindruck der letzten Begegnung mit ihr eines seiner berühmtesten Gedichte geschrieben haben: Я помню чудное мгновенье ... Unvergesslich bleibt mir der wundervolle Augenblick, als du vor mir erschienst ... wie der Inbegriff reinster Schönheit ...

Kaiserin Elisabeth Alexejewna,
geb. Luise von Baden
Portrait von Elisabeth Vigée-Lebrun,
1795, Schloss Wolfsgarten, Hessen

Nikolaus I. (1825-1855)

Als jüngster Bruder Alexanders hatte Nikolaus nicht damit gerechnet, je Zar zu werden und sich von den Staatsgeschäften fern gehalten. Er bereiste mehrere europäische Länder und und lebte mit seiner Frau Charlotte von Preussen, der Tochter König Friedrich Wilhelms III., im Anitschkow-Palast in St. Petersburg.

Nach dem unerwarteten Tod des kinderlosen Alexander und dem Thronverzicht des mittleren Bruders Konstantin wurde Nikolaus im Dezember 1825 zum Zaren ausgerufen. Und gleich musste er sich einer Revolte stellen: Armeeoffiziere protestierten gegen das autokratische Regime, die Polizeiwillkür, die Zensur der freien Meinungsäusserung und gegen die Leibeigenschaft der Bauern. Dieser Aufstand der sogenannten “Dekabristen“ wurde blutig niedergeschlagen, die führenden Köpfe gehängt und die rund 600 Demonstranten in Gefängnisse gesteckt oder nach Sibirien verbannt, darunter einige Freunde Puschkins.

Zar Nikolaus I., Porträt von Franz Krüger, 1852, Eremitage-Museum, St. Petersburg Die Folgen waren verheerend: Nikolaus wollte um jeden Preis die bestehende Ordnung wahren und jeden Funken von Widerstand im Keim ersticken. Zu diesem Zweck schuf er eine vom Militär kontrollierte Zivilverwaltung, förderte den Einfluss der orthodoxen Kirche und nationalistische Strömungen, lehnte die Aufhebung der Leibeigenschaft ab und stützte sich auf eine mit grossen Vollmachten ausgestattete Geheimpolizei. Für Schriftsteller, Musiker, Künstler bedeutete dies Anpassung oder Rückzug ins Privatleben. Reisen ins Ausland wurden fast unmöglich, und dies traf auch Puschkin, der trotz seiner ausgezeichneten Sprachkenntnisse nie eine Europareise machen konnte.

Dass Alexander Puschkin das Zeitgeschehen trotzdem mit Leib und Seele verfolgte, werden Sie aus seinen Werken sehen. Im Versepos Eugen Onegin nimmt er auf den Dekabristen-Aufstand Bezug, in den Geschichten Belkins auf die Kämpfe im Kaukasus. Besonders in seinen Gedichten findet man immer wieder Anspielungen auf Ereignisse und bekannte Persönlichkeiten, oft mit Humor und Ironie gespickt. In einem seiner letzten Gedichte von 1836 mit dem lateinischen Titel Exegi monumentum nimmt er Zar Alexander I. - und gleichzeitig sich selbst - aufs Korn, wenn er nicht ohne Stolz schreibt: “Ein Denkmal habʻ ich mir errichtet, zu dem die Leute immer pilgern werden ... Sein unbeugsamer Kopf ragt höher auf als die Alexander-Säule.“ Und am Schluss des Gedichts eine Spitze gegen die Zensur: “... In meinem grausamen Jahrhundert war ich immer ein Verfechter der Freiheit ... Nimm Lob und Tadel gleichmütig entgegen, und streite nicht mit einem Dummkopf.“  

Für die DPG: U. Stevens